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  Sprachverständnis durch Mundbewegungen getäuscht

Schon in früheren Untersuchungen wurden Zusammenhänge zwischen der Sprachverarbeitung und Gesichtsbewegungen festgestellt. Amerikanische Forscher stellten nun fest, dass beim Hören von Sprache diejenigen Gehirnareale aktiv werden, die für die Steuerung von Artikulationsbewegungen zuständig sind. In ihrer Untersuchung konnten sie durch künstlich veränderte Mundbewegungen sogar das Sprachverständnis täuschen.

Im Artikulationsprozess orientieren sich die Sprechbewegungen normalerweise am akustischen Ergebnis. Entspricht der Klang nicht dem beabsichtigten Ziel, werden Lage- oder Spannungsveränderungen am koordinierten Zusammenspiel der Artikulationsorgane vorgenommen. über Rezeptoren in den Muskeln, Gelenken und der Haut erhalten die an der Sprachproduktion beteiligten Organe (u. a. Lippen, Zunge, Unterkiefer, Gaumensegel, Kehlkopf) sensible Informationen, so genannte taktil-kinästhetische oder somatosensorische Inputs über Lage, Spannungszustand und Bewegung.
Die Forschergruppe konnte nun nachweisen, dass das somatosensorische System nicht nur an der Sprachproduktion sondern auch an der Sprachwahrnehmung beteiligt ist. Sie fanden heraus, dass sich durch artikulationsähnliche Dehnungen der Haut im äußeren Mundbereich die Wahrnehmung des Wortklangs veränderte.

Den Versuchspersonen wurden Fäden an die Mundwinkel geklebt, die mit einem Roboter verbunden waren. Der Roboter konnte auf diese Weise die Mundwinkel nach oben anheben oder nach unten ziehen. Die Testpersonen hörten in unregelmäßigem Wechsel die künstlich erzeugten Wörter ?had? (hatte) und ?head? (Kopf), die sich lediglich durch die Aussprache des Vokals unterscheiden: ?had? klingt tiefer und wird mit herabgezogenen Mundwinkel und mehr Lippenrundung artikuliert.
Durch gegensätzliche Bewegungen des Roboters konnte die Sprachwahrnehmung getäuscht werden. Wenn die Mundwinkel für die Dauer des Vokalklangs herunter gezogen wurden, glaubten die Probanden, das Wort ?had? zu hören, auch wenn ihnen in diesem Moment das Wort ?head? vorgespielt wurde. Umgekehrt gaben sie an, das Wort ?head? zu hören, wenn der Roboter die Mundwinkel nach oben zog.

Das Ergebnis der Untersuchung lässt den Schluss zu, dass die gleichen Nervenbahnen, die für Impulse der Artikulationsmuskulatur zuständig sind, auch am Sprachwahrnehmungsprozess beteiligt sind.

Ddp/wissenschaft.de, 20.1.2009, Martin Rötzschke
In: Takayuki Ito (Haskins Laboratories) et al.: PNAS
Online-Vorabveröffentlichung, DOI: 10.1073/pnas.0810063106


 

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